Mark und Waldgenossenschaften entstehen

Der Wald war im Mittelalter ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und Holz der wichtigste Rohstoff. Nahezu alle Häuser wurden in einer Art Fachwerk gebaut. Aber auch die Kirchen und Kathedralen, welche zunächst die einzigsten Steingebäude waren, besaßen rießige Dachstühle aus Holz. Baumstämme dienten als Fundamente bei nassem Untergrund. Für ein zweistöckiges Fachwerkhaus wurden Bäume mit einer Gesamtlänge von 500 Metern benötigt, für den Bau der Münchner Frauenkirche wurden 20 000 Eichen geschlagen. Aber nicht nur für den Bau wurde Holz benötigt; alle Truhen, Tische, Betten, Bänke, Hocker, Zuber, Becher, Teller und Löffel waren aus Holz.Und auch die Bäcker, Schmiede, Töpfer, Küfer, Zimmerleute und Schiffsbauer brauchten Holz als Bau- und Heizmaterial. Holz war in unserer Gegend das einzige Heizmaterial und obwohl nur ein Raum geheizt wurde, brauchte man rießige Holzmengen. Der rasche Anstieg der Bevölkerung im Mittelalter und der damit verbundene Bedarf an Ackerland, Weide und Wald verlangte nach einer Regelung zwischen Bauern und Grundherren. So entstanden wirtschaftlich bestimmte Mark- und Waldgenossenschaften, die Abmachungen über die Nutzung der Allmende, der Felder und des Waldes trafen. Die Dorfgemeinde bekam eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den Grundherren. Die Allmende konnte in der Nutzung von einem oder mehrerer Dörfern sein, während Wald in unserem Raum in regionalen Verbänden verwaltet wurde. Entsprechend den drei Marken von Scherzheim, Freistett und Kork gab es im Hanauerland die Waldgenossenschaften für den Maiwald, den Fünfheimburgerwald und den Korker Wald. Während die Grundherren in vielen Waldgenossenschaften Holzrechte besaßen, hatten die Herren von Lichtenberg keinen Anteil am Korker Wald; sie waren nur Bannherren. An der Nutzung des Korker Waldes waren die Waldgenossen aus Kork, Bodersweier, Linx, Appenweier und Windschläg beteiligt. Sie richteten eine Selbstverwaltung ein mit von ihnen gewählten Geschworenen (Gemeinderäten) und Heimbürgen (Ortsvorsteher).

Der Korker Hof auf dem Bühl – eine Freistätte

Den Mittelpunkt der Korker Waldmark bildete der Korker Hof, der 778 n. Chr. Erstmals erwähnt wurde, als Bischof Remigius von Straßburg dem neugegründeten Kloster Eschau in dem Dorf „Corkhe“ den Hof mit dem Kirchenpachtgut schenkte. Die sieben Meierhöfe waren um den Bühl angelegt, der höchsten Erhebung in Kork. Im Spätmittelalter fanden hier Mitte Mai die Sitzungen des Waldgerichts statt. Während der Gerichtstage wimmelte es von Menschen, die aus den Dörfern der Waldgenossenschaft zusammenkamen. Da es nicht viele Gaststätten gab, waren die Bauern der sieben Bühlhöfe verpflichtet, die Pferde und Wagen der Heimbürgen und der dreißig Geschworenen in ihren Ställen, Scheunen und Höfen unterzustellen und die Pferde mit Hafer zu füttern. Verwehrte ein Bühlbauer die Unterbringung, konnte der Mann der Einlass begehrte, die Pferde des Bauern im Stall losbinden und seine eigenen unterstellen. Die Bühlbauern waren auch verpflichtet, die Pferde auswärtiger Gäste, die zu Hochzeiten oder zu Beerdigungen in der Korker Kirche kamen, mit Heu zu versorgen. Dafür stand ihnen das Recht zu, „ein ruchen boum in korcker wald houwen“, das heißt sie durften einen unbehauenen rauhen Baum im Korker Wald schlagen, ihn unzerteilt auf den Hof fahren und dort zu verkaufen. Außerdem stand jedem Bühlbauern ein „Eckernrecht“ zu und er durfte jederzeit im Wald Laub rechen. Die Bühlbauern müssen freie Hörige oder freie Bauern gewesen sein, denn sie waren befreit vom Todfall, einer Abgabe, die beim Tod eines Familienmitgliedes in Form des besten Kleides oder der besten Kuh an den Grundherren bezahlt werden musste. Das wichtigste Recht des Hofes, das noch auf die germanische Zeit zurückging, war das Asylrecht. Jeder der eine schwere Straftat begangen hatte und sich auf den Korker Hof flüchten konnte, bekam Asyl. Der Korker Hof war eine Freistätte, niemand durfte hier verhaftet werden. „Item hatt einer einen liblos getan und kompt uff denselben hoff, er hat friheit“. Wenn einer jemanden leblos gemacht, d.h. Mord oder Totschlag begangen hat und kommt auf den Korker Hof, so bleibt er dort bis zum Ende der Gerichtssitzung frei. Auch nach dem Gerichtsurteil durfte der Angeklagte nicht auf dem Hof verhaftet werden. Ein Heimbürge begleitet ihn zu seinem Haus und erst wenn er Widerstand leistet, rief der Heimbürge andere Waldgenossen zu Hilfe. Das Gerichtsurteil wurde nie auf dem Korker Hof vollstreckt.

Der Waldbrief

Der Korker Waldbrief ist die bekannteste Urkunde der Gemeinde Kork. Wir erfahren nicht, wer die Autoren des Waldbriefes waren, es werden auch keine Zeugen genannt. Das Original des Korker Waldbriefes von 1476, das in deutscher Sprache geschrieben war, ging leider verlohren, aber es gibt mehrere Abschriften davon. Die wichtigsten von 1606 und 1668 liegen im Generallandesarchiv Karlsruhe und im Stadtarchiv von Straßburg und hatten noch das Original als Vorlage. Jede Gemeinde, die zur Korker Waldgenossenschaft gehörte, erhielt eine Abschrift des Waldbriefes. Im Korker Gemeindearchiv liegt eine Abschrift, die der Notar und Amtsschreiber Georgius Khol am 12. Mai 1795 vom Orginal gemacht hat. Durch mehrfaches Abschreiben während verschiedener zeitlicher Epochen kam es beim Waldbrief zu orthographischen und auch zu sinnentstellten Fehlern.

Der Heimathistoriker Beinert hat der Straßburger Kopie von 1668 den Vorzug gegeben, da seiner Meinung nach die Sprache des 15. Jahrhunderts gut zum Ausdruck bringt. Nur an einigen Stellen hat er Begriffe aus der Abschrift von 1606 übernommen. Im folgenden Bericht wird von der Beinertschen Fassung ausgegangen.

„Der Korker Waldbrief von 1476, der in seinen einzelnen Teilen auf weit frühere Zeiten zurückgeht, ist badisches Heimatgut in höchstem Maß und führt mitten in altes urtümliches Volksrecht hinein und ist ähnlichen Zeugnissen an Kraft und Wucht überlegen“.

Offensichtlich wollten die Waldgenossen mit dem Waldbrief ihre Nutznießungsrechte vor einem zu erwartendem Wechsel der Landesherrschaft absichern, denn die Lichtenberger hatten gegen Ende des 15. Jahrhunderts keine männlichen Nachkommen. Deshalb bestand die Gefahr, dass das Hanauerland einer anderen Herrschaft zuviel.

Die Stiftung von Herrn Eppel

Die Autoren des Vorspruchs der Waldstiftung hatten wahrscheinlich keine Kenntnis mehr von der Entstehungszeit der Waldgenossenschaft und so erzähltensie die Geschichte vom reichen Herrn Eppel und seiner Frau Utze, die auf der sagenhaften Burg Fürsteneck bei Oberkirch wohnten. Als ihre einzigste Tochter Stesel plötzlich auf einem Tanz in Nußbach starb, ließ Herr Eppel zu ihrem Seelenheil eine Kirche bauen. Gleichzeitig schenkte er den drei Kirchspielen Kork, Linx und Bodersweier einen Wald „zu einer rechten gotzgaben für wittwen und waisen, arm und rich zu gebruchen“.

Die 5 Heimbürgen und die 36 Geschworenen der Dörfer Kork, Bodersweier, Linx, Windschläg und Appenweier führten in einem Vorspruch aus, dass sie den mündlich überlieferten „Jahrspruch“ schriftlich festhalten wollten, um in Streitfällen den genauen Text der Verordnung vorlesen zu können:

Jahrspruch zu Kork

Wir die fünf Heimbürgen und Geschworenen, die sehß und dryssig des Korker walts der fünf Dörfer Kork, Bodersweier, Lingieß, Winschle und Appenwiler, bekennen und tun kunt offenbar mit dieser geschrifft als arm und rich, witwen und weysen, in den genannten fünff Dörffern gesessen: Zu ziten der Korker waldt zu niessende gegeben, daz man alle jar zu mittelmeigen zu Kork uff dem Hoffe ein jahrspruch tut und wann der geschicht, begibt sich zuwylen, daz etlich sint, die meinen, es sye nit also gesprochen alß der spruch wisse, dadurch villicht Uneinigkeit entstehen möchte. Solches zu für kommen, ouch schwere müeg und arbeit, so man alle jar deß gemelten spruchs halben hatt, zu vermiden, haben wir die sehß und dryssig obgemelt, einmündig erkant, selben jarspruch mit wissen zu bedenken und den eigentlich verschriben lassen, wann dan deß bedörftog sige, daz er vor uns verlesen werde“.

Wir die fünf Heimbürgen und Geschworenen, die Sechsundreißiger des Korker Waldes der fünf Dörfer KorkBodersweier, Linx, Windschläg und Appenweier bekennen und tun kund Armen und Reichen, Witwen und Waisen und allen in den Dörfern, denen der Korker Wald gegeben ist, dass man alle Jahr Mitte Mai auf dem Hof zu Kork einen Jahrspruch verkündet. Manchmal meinen einige, dass der Spruch anders ausgelegt wird, als sein Inhalt besagt und es kann zu Streit kommen. Um dem zuvorzukommen und die Mühe und Arbeit zu vermeiden, die man jedes Jahr mit der Auslegung hat, haben wir die Sechsundreißiger einstimmig beschlossen, den Jahrspruch schreiben zu lassen, damit er, wenn es nötig ist, vorgelesen werden kann.

Anwachsen der Bevölkerung und die im Wald neu entstandenen Ansiedlungen hatten zu neuen Ansprüchen auf Nutzungsrechte der Waldgenossen geführt, das Urteil des Waldgerichtes wurde immer wieder angefochten. Deshalb wollten die Geschworenen des Waldgerichts von einem schriftlich fixierten Recht ausgehen könenn, „daz er von uns verlesen werde u. lut derselbe spruch von Wort zu Wort“.

Auch der Kirche von Zimmern schenkte Herr Eppel einen Wald, der an den Korker Wald angrenzte. Da die Grenzen zum Korker Wald jedoch nicht eindeutig festgelegt waren, kam es gleich zu Streitigkeiten, ja sogar zu Totschlag. Um den Streit zu beenden, nahmen die Kirchspiele Kork, Bodersweier und Linx die Dörfer Windschläg und Appenweier mit in die Waldgenossenschaft auf. Aber der Streit um die Waldgrenzen ging weiter.

Der Stierlauf

Und so heißt es im Waldbrief weiter:

„Also rufft jemanden gott an, daz irgen ein from mensch erschine, daz anweisung gebe, wie die Dinge zu vertragen werent. Also gab ein erbar person den rat, man solle nehmen ein Wucherrint, daz ein pfor (Farren = Stier) were, daz soll fünft jar alt sin und soll instelen, daz es weder sonn noch monne in jar und tag sehe. Ist geschehen und uff dem Rindschedel erzogen worden“.

Die Amtspersonen und die Einwohner der fünf am Korker Wald beteiligten Dörfer kamen überein, durch den Lauf eines Stieres in einer Art Gottesurteil festzulegen, welche Gemeinden an der Nutzung des Korker Waldes teilhaben durften. Dem fünfjährigen Stier, der ein Jahr lang kein Sonnenlicht gesehen hatte, wurden die Augen zugebunden. Auf dem Korker Hof schmückte man ihn mit bunten Bändern und ließ ihn dann von der Eiche auf dem Korker Bühl loslaufen. Er nahm seinen Weg an den Holderstock bei der Kinzig oberhalb des Dorfes Schweighausen über Appenweier und Urloffen nach Rheinbischofsheim. In Diersheim lief er an sieben Höfen vorbei durch die „Waldlache“ und schwamm über die Schutter zum „Krimhildenstein“. Als er den Korker Bann erreichte, fingen die Glocken in Kork von alleine zu läuten an. Der Stier kam zurück zum Korker Hof und „hat sich an der eichen im selbs sin herze abgestoßen und dasselbe rint ist an geweihte stat begraben worden, als ob es ein Christenmensch were gewesen“.

Die Waldschenkung des Herrn Eppel und der Stierlauf muss man wohl zeitlich weit auseinanderlegen. Während bei der Erzählung der Eppelschen Schenkung die Autoren auf die Nennung von Daten und Zeugen verzichteten, kann man bei der genauen geographischen Beschreibung der Laufstrecke des Stiers vom wirklichen Besitzstand der einzelnen Dörfer ausgehen. Die Grenzlinien, welche die Nutznießung der Dörfer festlegten, entsprachen ziemlich genau den Grenzen des alten Korker Kirchspiels und der Kirchspiele von Bodersweier und Linx.

Als Waldgenossenschaftsdörfer wurden Kork, Bodersweier, Linx, Windschläg und Appenweier genannte. Neumühl, Querbach und Odelshofen gehörten zum Gericht und Kirchspiel Kork und erhielten dadurch auch Waldanteile. Sand Legelshurst und Hausgereut erhielten Anteile, weil auch sie zum Korker Kirchspiel gehört hatten. Wahrscheinlich waren auch Linx und Bodersweier von der Korker Mutterkirche pfarrlich versorgt worden, bevor sie eigene Pfarreien erhielten. Appenweier und Windschläg wurden sicherlich erst später in die Waldgenossenschaft aufgenommen, denn sie hatten keine kirchenrechtliche Verbindung zu Kork.

Das Waldgericht

Jedes Jahr kamen Mitte Mai die 36 Geschworenen aus den fünf Dörfern der Waldgenossenschaft nach Kork und hielten unter einer überdachten Laube auf dem Bühl Gericht über Waldfrevler. Ursprünglich gab es 120 Geschworene. Da es jedoch sehr schwierig war, alle 120 am gleichen Tag nach Kork einzubestellen, wurde die Zahl der Geschworenen auf 36 verringert. Beim Tod eines „Sechsundreißigers“ wurde das Gremium durch Zuwahl ergänzt. Die Ausführung der Entscheidungen der „Sechsundreißiger“ wurde den fünf Heimbürgen aus Kork, Bodersweier, Linx, Windschläg und Appenweier übertragen. Der Korker Heimbürge hatte bei jeder Abstimmung zwei Stimmen. Falls drei Heimbürgen fehlten, war das Gremium nicht beschlussfähig. Auch die fünf Zuner (Angrenzer) Zierolshofen, Holzhausen, Dachshurst, Buchenau und Eicher hatten ein Nutzungsrecht am Korker Wald, das ihnen aber wegen Missbrauch bald wieder entzogen wurde.

Der Ausschluss der Dörfer Zierolshofen und Holzhausen muss wohl zeitlich befristet gewesen sein, da sie bei der Aufteilung des Korker Waldes im Jahre 1811 Anteile erhielten. Die Einwohner von Hausgereut wurden im Zusatzbrief von 1478 von Wald und Weide der Genossenschaft ausgeschlossen, weil sie zu viele Bäume gefällt und zwei Förster erschlagen hatten. Die Höfe Eichet und Buchenau und der Weiler Dachshurst existierten nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr.

Den Vorsitz des Gerichts führte der Graf von Lichtenberg als Bann- und Schirmherr des Korker Waldes. Wenn der Graf zu Gericht saß, sollte ihm zwei der besten Weine serviert werden. Auch sein Streitross, seine zwei Handpferde und der Falke sollten gut gefüttert werden. Diese an den Grafen abzuführenden Gaben sind im Waldbrief genau aufgeführt und wohl als Zeichen seiner Landes- und Jagdhoheit anzusehen. Denn die Lichtenberger besaßen im Korker Wald nur das Jagdrecht, hatten aber keinen Rechtsanspruch auf den Wald. Wenn ein Förster oder ein Mitglied der Waldgenossenschaft jemanden beim Holzdiebstahl oder einem anderen Frevel erwischten, brachten sie ihn zum Korker Bühl. Wenn er sich in Anwesenheit des zuständigen Heimbürgen bereit erklärte, eine Strafe anzunehmen, so war die Sache erledigt. Falls er sich weigerte, wurde er vor dem Waldgericht angeklagt. Ein Waldgenosse, der gegen die Artikel des Waldbriefes verstieß, konnte von den Wald- und Weiderechten ausgeschlossen werden. Um die Rechte wieder zu erlangen, musste er an einem Sonntag nach der Messe mit 24 Maß Rotwein, 24 Wecken, 24 hölzernen Bechern und einem Zuber für den Wein auf den Bühl gehen und mit lauter Stimme rufen: „Ich habe waldt und weidt verbrochen und bitt alle Waldgenossen, arm und rich, daz man mich wider darin laß“. Daraufhin erhielt er seine alten Rechte und die Korker Bürger durften den Wein trinken und die Wecken essen.

Wurde bei oder nach der Verhandlung etwas verzehrt, musste der Angeklagte die Rechnung bezahlen. So erfahren wir aus einem Waldgerichtsprotokoll von 1606 – die Protokolle gab es seit 1590 – das die Heimbürgen und die Sechsunddreißiger bei einer Sitzung zwei Schweine gegessen und Kosten für 22 Pfund 18 Schilling 2 Pfennig verursacht hatten.

Eine wichtige Aufgabe des Waldgerichts war die gerechte Verteilung des Holzes. Mit der Erlaubnis des Heimbürgen seines Kirchspiels durfte jeder Waldgenosse zum Bau seines Hauses oder zur Reparatur Bauholz schlagen, „sovil im not ist“. Er durfte aber nur jeden dritten Baum schlagen und es war bei Strafe verboten, Lochbäume (Begrenzungsbäume) zu fällen. Das Bauholz durfte nicht verkauft, sondern musste binnen eines Jahres zum Hausbau verwandt werden, „es in jar und tag mit nüt und nagel verbuen“. Holz für Deichseln, Winden und Achsen konnte beliebig geschlagen werden, es musste aber offen und mit dem dicken Ende nach hinten aus dem Wald gefahren werden.

 Selbstverwaltung der Waldgenossenschaft

 Ein wesentliches Merkmal der Korker Waldgenossenschaft war die Selbstverwaltung. Im Artikel 51 des Waldbriefes schrieben die Geschworenen und Heimbürgen sich selbst das Recht zu, Artikel des Waldbriefes zu streichen oder neue hinzuzufügen. Schon 1478 wurde der Waldbrief mit einigen Zusätzen versehen. Die Heimbürgen durften selbstständig Beschlüsse fassen und notwendige Anordnungen treffen, die bis zur nächsten Gerichtssitzung der "Sechsunddreißiger" galten.

Im Waldbriefzusatzartikel von 1478 heißt es, dass kein geistlicher oder weltlicher Herr Rechtsanspruch auf den Korker Wald hat. So haben Waldgenossen beim Streit der Kirchspiele Kork, Bodersweier und Linx mit dem Kirchspiel Zimmern auch die Vermittlung der Amtsleute abgelehnt und die Angelegenheit selbst geregelt. "Do zwuschen sich etlich Heren und Amptlüte geleit haben in meinung zu vertragen. Hatt inen nit mögen folgen". Die Waldgenossen bildeten einen wirtschaftlichen Verband mit Rechtsprechung über Waldfrevel. Sie befanden sich aber nicht außerhalb der normalen Herrschaftsverhältnisse.

Als der Waldbrief geschrieben wurde, gehörten die fünf Gemeinden zwei unterschiedlichen Herrschaftsgebieten an: Appenweier und Windschläg gehörten zur Landvogtei Ortenau, während die Kirchspiele Kork, Bodersweier und Linx der Herrschaft Hanau- Lichtenberg unterstanden.

Die Förster

 Der dritte Teil des Waldbriefes umfasst Rechte und Pflichten der Waldgenossen und Vorschriften über die Nutznießung des Waldes. Nutzungsrechte im Wald hatten nicht die Dörfer an sich, sondern die meisten ihrer Bauern. Für den Korker Wald wurden drei Förster eingesetzt; einer kam aus Sand, einer aus Bodersweier oder Linx und einer aus Kork; letzterer wurde Hofförster genannt. Die Förster sollten an drei Tagen in der Woche in den Wald gehen, in der Eckerichzeit jedoch jeden Tag, um zu sehen, "ob iemans darinnen schaden tut".

Sie wurden durch einen Amtseid verpflichtet, „denselben Wald fleisig durchgehen und wann ihr darinnen Schaden thun antreffet, rügen und Niemanden um Geld noch um andere Ursach willen verschonen“.

Im Artikel 50 des Korker Waldbriefes wurde das Jagdrecht der Herren von Lichtenberg erwähnt, aber es gibt bei der Aufzählung der Aufgaben eines Försters keinen Hinweis auf Straffen für Jagdfrevel. Die Förster waren gut bezahlt. Nach einer Steuerstatistik aus dem Jahr 1590 erhielten die drei Förster jährlich 31 Pfund und 10 Schilling aus der Korker Gemeindekasse und 2 ½ „Eckernrechte“. Außerdem durften sie Laub aus dem Wald verkaufen und kleinere Geldstrafen wegen unerlaubtem Laubrechen behalten. Die Taglöhner aus Legelshurst und Sand mussten dem Förster an Martini ein Huhn oder drei Pfennig bringen.

Eckernrecht und Schweinemast

Auch bei der Schweinezucht spielte der Wald eine wichtige Rolle, denn vor der Einführung der Kartoffel stand den Bauern wenig Futter zur Verfügung. Jedes Jahr im Herbst wurden deshalb die Schweine sechs bis zehn Wochen zur Mast in den Wald getrieben; man nannte dies „Eckernfahrt“ (Eichelmast). Der „Eckernschlag“, in den der Schweinehirt die vorher markierten Schweine trieb, wurden mit Weidengeflecht und Pfählen eingezäunt. Falls ein Bauer außerhalb des Waldes auf seinen Feldern Schweine antraf, so sollte er dreimal rufen: „ob iemans so sye, der den schwinen nachfolgt“. Hörte oder sah er niemanden, so durfte er die Schweine als Ersatz für den angerichteten Schaden wegtreiben.

Das Eckernrecht stand nicht nur den Waldgenossen zu; die Eckernnutzung war in einzelne Rechte aufgeteilt und bei der Aufschlüsselung der Gehälter von Lehrern, Pfarrern, Förstern stand meist, wieviel Eckernrechte ihnen gewährt wurden. So standen dem Schuldheiß und den Heimbürgen von Kork 5 Eckernrechte zu, während die Heimbürgen der anderen Dörfer 2 ½, der Bott zu Kork 2 ½, der Förster 2 ½ und den Bauern der sieben Bühlhöfe je eins erhielten.

Auflösung der Waldgenossenschaft

Infolge der Kriegsereignisse im 17. und 18. Jahrhundert trat das Waldgericht nicht regelmäßig zusammen. Deshalb gibt es aus dieser Zeit nur wenige Gerichtsprotokolle. Im Zeitalter des Absolutismus sahen die Landesherren in der Waldgenossenschaft einen Fremdkörper in ihrem Herrschaftsgebiet und so fiel es den Waldgenossen immer schwerer, ihre Selbstverwaltung zu bewahren. In einigen Fällen zeigt es sich, daß das Waldgericht die Streitigkeiten unter den Waldgenossen nicht mehr schlichten konnte, sodass jede Partei bei den Behörden der Herrschaft Recht suchte. Der Streit um das Gewann"Stadellach" zwischen der Gemeinde Sand und den anderen Mitgliedern der Korker Waldgenossenschaft war ein Musterbeispiel für einen der vielen Streitfälle im Verband. 1741 hatte ein Gericht die "Stadellach" den Waldgenossen zugesprochen. Als diese daraufhin das Gebiet mit Steinen abgrenzten, kamen 13 mit Äxten bewaffnete Männer aus Sand und sagten, sie würden jeden gesetzten Stein sofort wieder herausreißen. Der Streit, der 1804 mit einem Urteil des Reichskammergerichts zugunsten der Korker Waldgenossenschaft  endete, kostete allen Gemeinden viel Geld. 

Am 29. August 1799 wurden die Heimbürgen und die Sechsunddreißiger der Korker Waldgenossenschaft durch den Erlass der Hessen-hanauischen und der vorderösterreichischen Regierung abgesetzt, der Aufsicht über den Korker Wald wurde den Forstbeamten aus Bodersweier, Legelshurst, Rheinbischofsheim und Appenweier übertragen. Das Konzept einer Aufteilung des Korker Genossenschaftswaldes von 1808 wurde von den Gemeinden und den zuständigen badischen Behörden verworfen. Mit einem neuen Aufteilungsplan von Oberforstmeister und Kreisrat im Jahre 1811 waren jedoch die Gemeinden einverstanden.

Aufteilung des Korker Waldes 1811

Gemeinde                 ha

Appenweier             227 

Bodersweier              42

Diersheim                  60

Hausgeräut               19

Holzhausen               49

Kork                          160

Legelshurst              290

Linx                            77

Neumühl                    83

Odelshofen                 56

Querbach                   20

Sand                          114

Zierolshofen                73

 Aber noch jahrzehntelang bestand ein Briefwechsel zwischen dem Großherzoglich Badischen Direktorium des Kinzigkreises, zu dem der Genossenschaftswald gehörte, und dem Großherzoglich Badischen Finanzministerium wegen der Beforstungskosten im Korker Wald von 400 Gulden.

Wenn man bedenkt, dass der Korker Waldbrief formalrechtlich auf schwachen Beinen stand und das Waldgericht mit nur wenig eigenen Machtmitteln ausgestattet war, so ist es erstaunlich, dass die Waldgenossenschaft die Selbstverwaltung und die gemeinsame Nutzung des Waldes über Jahrhunderte bewahren konnte.